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Wegen der besonderen Liebe der Aliviten für Ali vermuten die Sunniten, dass Ali als Gott verehrt würde. Dies geben die iranischen Schiiten auch als Grund an, weswegen sie die Aleviten als Nichtschiiten, Nicht-Moslems und als Ungläubige (Kafirs) bezeichnen, obgleich die Aleviten Zwölferschiiten sind.
Ein Grossteil der Vorwürfe der Sunniten beruht darauf, dass die Aleviten nicht der Scharia folgen. Ausserhalb der Scharia ist für die Sunniten kein moralisches Leben möglich, daher schreiben sie den Aleviten Morallosigkeit zu (sexuelle Ausschweifungen, Trunksucht, Ungläubigkeit, Unsauberkeit).

Scharia bedeutet: fünfmal pro Tag ein Pflichtgebet in streng vorgeschriebener Form, Fastenmonat Ramadan, Wallfahrt nach Mekka, Alkoholverbot, Geschlechtertrennung, Rollenfixierung von Mann und Frau, Ausschluß der Frau aus der öffentlichen Ritualtechnik in der Moschee, wo die Frauen theoretisch zwar zugelassen sind, aber die Männer praktisch die Hauptakteure sind und die Frauen vom Nebengemach oder von einer Empore aus zuschauen.

Neben der Scharia ist für die Sunniten noch etwas bindend und nachamenspflichtig, nämlich die sogenannte Sunna. Darunter wird das Verhalten des Propheten in Wort und Tat zusammengefasst. Scharia und Sunna bilden einen vorgegebenen engmaschigen Verhaltenkodex, an den sich der Orthodoxe zu halten hat, der grösste Verdienst vor Gott ist das konsequente Beachten der vorgeschriebenen Verhaltenstechnik bis in die kleinsten persönlichen und intimen Dinge hinein. Einen freien Spielraum gibt es für den Einzelnen nicht. Alles ist nach sogenannten göttlichen Vorschriften zu tun.

Im Alevismus-Bektaschismus hat der Mensch mehr Spielraum. Das Dasein des Menschen wäre sinnlos und noch unter der Würde des Tieres, wenn Gott dem Menschen überall Vorschrifften machen müßte. Gott hat nur Anspruch darauf, das Verhältnis von Gott-Natur-Mensch klarzulegen, die eigentliche religiöse Dogmatik.

Die Auffassung der orthodoxen Sunniten, bei den Aleviten herrsche Anarchie, Zügellosigkeit und Morallosigkeit ist schon historisch unsinnig und zeugt eher davon, daß man das Verbotene, das man eigentlich gerne tun möchte, oder das als ewige Verlockung dasteht, dem anderen zudichtet.

Wenn es keine Pflichtgebete gibt, heißt das nicht, daß es gar keine Gebete gibt. Zu unterscheiden ist das individuelle Gebet und das kollektive Gebet der Gemeinschaft. Ist das individuelle Gebet völlig frei, in welcher Form auch immer, kann aber der Ausschluß aus dem kollektiven Gebet oder kollektiven Ritual der Gemeinschaft eine schwere Strafe sein, eine soziale Isolation, ein Ausstoß aus der Gemeinschaft. Und gerade dies ist im Alevismus der Fall.